Suchen | Feedback | Inhalt | English
 
 
Organ der
 

GD — Gesellschaft für Dermopharmazie e.V.

   
 

Home
Ausgabe:
1/2015
1/2014
1/2013
1/2012
2/2011
1/2011
1/2010
1/2009
1/2008
2/2007
1/2007
2/2006
1/2006
2/2005
1/2005
2/2004
1/2004
2/2003
1/2003
2/2002
1/2002
4/2001
3/2001
2/2001
1/2001
1/2000
 
 
 
Weitere Links:
 
 
Gesellschaft für
Dermopharmazie
 
 
 
 
 

 

 

Ausgabe März 2001

Dermatotherapie
Topisches Terbinafin
Hohe Compliance durch kurze Behandlungsdauer

Dermatomykosen, insbesondere Fußmykosen, gehören zu den zahlenmäßig bedeutsamsten Infektionskrankheiten. Wegen des häufigen Vorkommens und der erheblichen Infektiosität der Erkrankung sind Medikamente sinnvoll, die dem Patienten problemlos zugänglich sind und eine hohe Compliance aufweisen. Ein Beispiel dafür ist das topische Antimykotikum Terbinafin (Lamisil® Creme), das zum 1. Januar diesen Jahres aus der Verschreibungspflicht entlassen wurde und seitdem auch für die Selbstmedikation zur Verfügung steht. Nach den Hintergründen hierzu fragte DermoTopics den Vorsitzenden der Deutschsprachigen Mykologischen Gesellschaft, Professor Dr. med. Hans Christian Korting von der Dermatologischen Klinik und Poliklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München.



Dermo
Topics: Das topische Antimykotikum Terbinafin kann seit Anfang diesen Jahres rezeptfrei in Apotheken erworben werden. Welche besonderen Eigenschaften hat Terbinafin, wodurch zeichnet es sich aus?

Professor Korting:
Terbinafin gehört zur Substanzklasse der Allylamine, die gegen zahlreiche medizinisch bedeutsame Dermatophyten wirksam sind. Der wesentliche Unterschied gegenüber den Azolen liegt darin, dass Allylamine fungizid wirken, Azole dagegen nur fungistatisch. Terbinafin steht topisch in Form einer Creme zur Verfügung, die schon seit Jahren verordnet wird und insbesondere zur Behandlung von Hautpilzerkrankungen im Fußbereich geeignet ist. Diese Erkrankungen wurden herkömmlicherweise überwiegend mit Azolen behandelt. In einer vergleichenden Bewertung ist jedoch festzustellen, dass in kontrollierten Studien eine überlegenheit von Terbinafin-Creme gegenüber Clotrimazol-Creme bei der Zielerkrankung Fußpilz beziehungsweise Tinea pedis aufgezeigt werden konnte. Eine zentrale Studie hierzu wurde von dem bekannten englischen Mykologen Evans und Mitarbeitern im British Medical Journal publiziert. Zugrunde liegt hier eine kontrollierte Studie, bei der man bei der Zielerkrankung Tinea pedis auf der einen Seite über eine Woche zweimal täglich eine einprozentige Terbinafin-Creme einsetzte und zur Kontrolle auf der anderen Seite eine einprozentige Clotrimazol-Creme über vier Wochen. Es zeigte sich, dass tatsächlich die einwöchige Behandlung mit Terbinafin besser wirksam war als die vierwöchige Behandlung mit Clotrimazol. Darin sehe ich einen ganz wesentlichen Fortschritt, der insbesondere für die Selbstmedikation von Bedeutung ist, wo oft nicht die gleiche Compliance erreicht wird wie im Verordnungsbereich.


Professor Dr. med. Hans Christian Korting, Vorsitzender der Deutschsprachigen Mykologischen Gesellschaft, erläutert die Vorzüge von Terbinafin-Creme in der topischen Behandlung von Dermatomykosen.

DermoTopics: Wie häufig ist die Zielerkrankung Tinea pedis in der Bevölkerung?

Professor Korting:
Die Tinea pedis ist eine der häufigsten Erkrankungen überhaupt. Lange Zeit haben wir nicht genau gewusst, wie häufig uns diese Erkrankung im Alltag begegnet. In den letzten Jahren hat sich unsere Kenntnis hierüber aber wesentlich verbessert durch ein europäisches Forschungsprojekt, das als Achilles-Projekt bezeichnet wurde. Im Rahmen dieses Projektes wurde in vielen Hautarztpraxen aus einem nicht weiter selektierten Krankengut, das aus welchem Grund auch immer sich dem Hautarzt vorstellte, geprüft, ob eine Fußpilzerkrankung vorlag. Das überraschende Ergebnis sah wie folgt aus: Etwa zehn Prozent der Patienten hatten eine Pilzerkrankung an der freien Haut des Fußes, insbesondere im Zehenzwischenraum, weitere zehn Prozent an den Nagelorganen des Fußes, also eine Onychomykose, nochmals zehn Prozent hatten eine Kombination beider Erkrankungen. Demzufolge kann gesagt werden, dass etwa dreißig Prozent aller Menschen eine derartige Pilzerkrankung des Fußes an der freien Haut aufweisen. Eine wichtige Zahl! Dabei sind Pilzerkrankungen im Fußbereich unbedingt ernst zu nehmen. Nicht immer sind die Beschwerden sehr ausgeprägt. Rötung und Schuppung können der Auslöser für einen Arztbesuch sein, häufiger ist es jedoch der Juckreiz, wenn er denn quälend ist. Meist ist das Beschwerdebild jedoch so diskret, dass die Erkrankung nicht als problematisch angesehen wird. Sehr leicht kann aber aus einer Infektion der Zehenzwischenräume eine Nagelerkrankung mit erheblichen Folgen werden. Aus Untersuchungen zur Lebensqualität wissen wir heute, dass eine Onychomykose erhebliche Beeinträchtigungen mit sich bringen kann, zum Beispiel starke Schmerzen beim Gehen. Die Vorbeugung dieser Erkrankung ist allein deshalb schon ein bedeutsames Ziel.

Dermo
Topics: Ist die Onychomykose die einzige Folge einer primären Pilzerkrankung an der freien Haut des Fußes?

Professor Korting:
Nein, eindeutig nicht. 1999 ist dazu im British Medical Journal eine sehr wichtige Studie einer französischen Forschergruppe um Dupuy erschienen. Hierbei ging es um die Risikofaktoren für eine wichtige bakteriell bedingte Erkrankung - und zwar das Erysipel des Unterschenkels, das mit erheblicher Beeinträchtigung, hohem Fieber und in der Regel mit der Notwendigkeit eines Krankenhaus- oder Klinikaufenthaltes verbunden ist. Auffällig häufig ist das Zusammentreffen des Erysipels mit Veränderungen im Vorfußbereich, die letztlich alle eine Beeinträchtigung der epidermalen Barriere bedingen. Das heißt, immer dann, wenn die Haut, zum Beispiel durch eine Fußpilzerkrankung, nicht mehr intakt ist, können Bakterien leichter in tiefere Gewebsschichten eindringen und diese eindrucksvolle Folgeerkrankung hervorrufen.

DermoTopics: Ihre Erläuterungen verdeutlichen den großen Bedarf an Antimykotika und entsprechenden Therapiestrategien. Welchen Nutzen und welche Risiken sehen Sie in der Tatsache, dass topisches Terbinafin jetzt auch ohne ärztliche Verordnung in der Apotheke erworben werden kann?

Professor Korting:
Der Nutzen besteht darin, dass dem Patienten jetzt ein hochwirksames Präparat, unterstützt durch die Beratung in der Apotheke, direkt zur Verfügung steht. Ein mögliches Risiko kann darin bestehen, dass unerwünschte Wirkungen auftreten oder dass sich die Resistenzsituation verändert. Der mehrjährige Gebrauch im Rahmen der Verschreibungspflicht hat aber gezeigt, dass es sich bei der Terbinafin-Creme um ein sehr gut verträgliches Medikament handelt. Bislang haben sich auch keine wesentlichen Anhaltspunkte für eine Resistenzentwicklung gegenüber Allylaminen ergeben. Von daher ist gut nachvollziehbar, dass jetzt auf eine Verschreibungspflicht verzichtet werden kann.

DermoTopics: Welche besondere Aufgabe kommt der Apotheke zu, die das Antimykotikum dem Patienten empfiehlt?

Antimykotika werden bereits in erheblichem Umfang in der Selbstmedikation eingesetzt, insbesondere zur Behandlung der Zielerkrankung Tinea pedis. Angesichts der Häufigkeit dieser Erkrankung ist es gut verständlich, dass sie in vielen Fällen vom Patienten zunächst mit dem Apotheker besprochen wird und er den Patienten berät. Dieses unmittelbare Angebot an den Patienten hat zweifellos Vor- und Nachteile. Der Vorteil liegt darin, dass der Patient unmittelbar Hilfe bekommt. Ein hochwirksames Medikament wie Terbinafin-Creme ist durchaus in der Lage, die Mehrzahl der Patienten zu heilen. Ein möglicher Nachteil darf jedoch auch nicht übersehen werden: Der Hautarzt hat die Möglichkeit, Material zur mykologischen Diagnostik zu gewinnen, die auf zwei Säulen steht, dem Nativpräparat und der Kultur. Dies ist in der öffentlichen Apotheke praktisch nicht möglich, so dass in einer Reihe von Fällen nicht sicher etabliert werden kann, ob tatsächlich eine Pilzerkrankung vorliegt. Keinesfalls darf übersehen werden, dass auch andere entzündliche Hauterkrankungen, zum Beispiel das atopische Ekzem, gerade in dem bevorzugt betroffenen Gebiet der Zehenzwischenräume sehr ähnliche Symptome (Rötung, Schuppung, Mazeration) wie bei einer Mykose verursachen können. Zusammenfassend kann nicht allgemein empfohlen werden, auf den Rat des Arztes beziehungsweise des Hautarztes bei der Fußpilzerkrankung zu verzichten. Im Interesse der Volksgesundheit steht jedoch außer Frage, dass über die Selbst-medikation und die vorausgehende Beratung in der Apotheke eine wichtige zusätzliche therapeutische Option gegeben ist.


Professor Dr. med. Korting und eine Mitarbeiterin bei der mykologischen Diagnostik im Kliniklabor.


Dermo
Topics
: Wie lange muss eine Tinea pedis mit Terbinafin behandelt werden?

Professor Korting:
Bei der handelsüblichen Terbinafin-Creme ist eine Behandlungsdauer von einer Woche etabliert. Dieses steht gegen eine Behandlung von mehreren Wochen mit den verbreiteten Azol-Cremes. Nach Absetzen der Terbinafin-Creme sind noch erhebliche Wirkstoffmengen in der Haut gespeichert, so dass sich die Wirkung noch fortsetzt. Grundsätzlich ist dem Patienten jedoch zu empfehlen, einen Arzt aufzusuchen, wenn nach zwei bis drei weiteren Wochen noch keine deutliche Besserung beziehungsweise Heilung eingetreten ist. Eine weitere Beurteilung durch den Facharzt ist dann erforderlich und sollte eine Laboratoriumsdiagnostik einschließen. Im Einzelfall ist es nämlich schwierig, diskrete Erscheinungsformen richtig einzuordnen. Wir wissen heute, dass der wichtigste Erreger der Mykosen in den Zehenzwischenräumen, der Dermatophyt Trichophyton rubrum, immer besser an den Wirt Mensch adaptiert ist. Das heißt, die entzündlichen Erscheinungen werden immer geringer, und dennoch kann zu einem unbestimmten Zeitpunkt die epidermale Barriere beeinträchtigt sein, so dass der Pilz dann auf andere Strukturen - insbesondere auf die Nagelregion - übergreifen kann.

DermoTopics: Mykosen der Haut sind eine besonders rezidivfreudige Erkrankung. Was kann der Apotheker seinem Kunden in Bezug auf prophylaktische Maßnahmen raten?

Professor Korting:
Der Apotheker wird im Rahmen seiner Beratung sicher auf mögliche Risikofaktoren eingehen. Geläufig ist, dass die besagten Pilzerkrankungen vermehrt bei Menschen auftreten, die bestimmtes, luftundurchlässiges Schuhwerk (zum Beispiel Gummistiefel, Turnschuhe) tragen, weil dadurch ein Klima geschaffen wird, in dem die Pilze besonders günstige Wachstumsverhältnisse vorfinden. Derartiges Schuhwerk sollte möglichst nicht den ganzen Tag über getragen werden, sondern statt dessen Schuhe aus atmungsaktivem Material wie Leder. Eine besondere Hygiene in Bezug auf Strümpfe und Schuhe ist in ihrer Notwendigkeit nicht belegt. Die heutigen Waschmittel beseitigen Keime bereits bei einem Waschvorgang mit 60 °C.

DermoTopics: Herr Professor Korting, wir danken Ihnen für das Gespräch. (ghw)


nach oben

März 2001 Copyright © 2000 - 2016 ID-Institute for Dermopharmacy GmbH. Kontakt: webmaster@gd-online.de